Das Ding das bleibt. Wie der Ausstellungskatalog zu einem eigenständigen Produkt werden kann.
»Wozu noch etwas drucken?«, »Reicht da nicht die Webseite?« sind Gedanken, die man gelegentlich hören kann, führt man Gespräche über die Dokumentation von Ausstellungen. Gerade Institutionen, die Ausstellungen nur selten durchführen sind sich oft unsicher, wozu die Dokumentation dienen kann und weshalb es notwendig ist, jene mit Umsicht und Liebe zu entwickeln. Und manchmal, warum man überhaupt etwas drucken sollte.
Wir produzieren Druckwerke, Kataloge und Bücher seit fast 20 Jahren und haben dazu eine klare Meinung: Ausstellungen vergehen, Kataloge bleiben. Webseiten haben ihre Berechtigung dort, wo es um multimediale Darstellungen geht, Teaser und Marketingmaßnahmen, Überblick und Orientierung. Gedruckte Medien sind ideal für die Langform. Sie bieten die richtigen Lesebedingungen, können Gedanken gesammelt anbieten und zeigen Bild und Text im gewünschten Verhältnis. Das Leseerlebnis ist mit elektronischem Text nicht vergleichbar.
Kulturinstitutionen sind sich dessen in der Regel bewusst und investieren entsprechend viel in die Konzeption, Gestaltung und Produktion ihrer Kataloge. Ihr Potenzial können Ausstellungskataloge aber nur dann ausschöpfen, wenn in ihrer Entwicklung einige Parameter beachtet werden. Im folgenden haben wir versucht fünf Punkte zu formulieren, wie das Buch mehr bringt als reine Dokumentation.
- Den Katalog als unabhängiges Produkt verstehen
Der Katalog ist keine Begleitpublikation. Dafür gibt es das Begleitheft, das den Zweck erfüllt, zu kontextualisieren und zu orientieren. Der Katalog kann viel mehr sein: Ein Vektor über die Ausstellung hinaus und die Verlängerung der Ausstellung in die Zukunft. Von Ewigkeit zu sprechen ist natürlich übertrieben, aber in unserem bestehenden kulturellen Zeithorizont auch nicht völlig falsch. So gesehen muss er unabhängig von der verknüpften Ausstellung betrachtet werden, ein eigenes Leben und eine eigene Gestalt bekommen. Dabei stehen strategische Fragen im Mittelpunkt wie: - Haptik und Design: Aus dem Buch ein Objekt machen
Der Ausstellungskatalog hat den Vorteil, ein tatsächliches, haptisches Objekt in der echten Welt zu sein. Ja, Klebebindung und Digitaldruck geht und ist (leider oft) günstiger als hochwertiger Druck auf gutem Papier und die Spezialbindung. Spart man allerdings an dieser Stelle zu sehr, kann das Buch seine Stärken nicht ausspielen. Ohne Haptik und Objektqualitäten (Farbe, Form, Typografie, etc.) wird die Text-Bild-Sammlung am Markt nicht bestehen. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht auch mit geringen Budgets, spannende Produkte entwickeln kann. Auch mit drucktechnisch einfachen Mitteln lässt sich überraschendes entwickeln. - Die Dokumentationsaufgabe noch ernster nehmen
Der Ausstellungskatalog muss natürlich allen Dokumentationspflichten nachkommen. Darüber hinaus empfehlen wir, darüber zu urteilen, welche Inhalte für eine mögliche zukünftige Erforschung der Gegenwart interessant sein könnte. Was würde uns an einem Katalog der letzten 25, 50, 500 Jahre interessieren? - Adressaten verstehen: Für wen entsteht der Katalog eigentlich wirklich?
Käufer und Leser des Ausstellungskatalogs sind womöglich nicht immer die gleichen Zielgruppen wie die Besucher:innen der Ausstellung. Wir empfehlen, zu überlegen, wer sich denn sonst noch wie ansprechen lässt mit Themen und Inhalten der Ausstellung. Und: welchen Mehrwert kann der Ausstellungskatalog wem anbieten? - Die Vertriebsstrategie untersuchen und planen
Wir schlagen vor, den Katalog als Produkt zu verstehen. Natürlich nicht unbedingt, um als Ware Gewinne zu erwirtschaften (obwohl auch dieser Gedanke nicht verboten ist), aber auf jeden Fall, um Reichweite zu erlangen. Das bedeutet einerseits, zu überlegen, wo und wie der Ausstellungskatalog Vertriebswege findet, und andererseits, welche Botschaften für die Verbreitung förderlich sind. - Den Katalog auf seine Geschenkqualität überprüfen
Besonders als Geschenk können sich Ausstellungskataloge gut eignen. Dafür müssen sie allerdings die Balance zwischen Dokumentation, Tiefenqualität und Schlüssigkeit in der Botschaft schaffen. Weitere Geschenkmerkmale finden sich natürlich in Ausstattungsqualität und Design. - Die Inhalte mit der Welt verknüpfen
Um dem Ausstellungskatalog ein langes und interessantes Leben zu bescheren, empfehlen wir, sich zu überlegen, wie die Inhalte der Ausstellung auch unabhängig ihrer Objektspezifität mit der Welt verknüpft werden können. Welcher Gedanke ist im öffentlichen oder privaten Diskurs womöglich noch länger relevant? Wie schafft man dadurch einen dauerhaft(er)en Mehrwert? Worüber sollten zukünftige Leser:innen des Katalogs nachdenken?
Wichtig ist es uns, darauf hinzuweisen, dass es das umgekehrte Phänomen gibt: Den Ausstellungskatalog ohne Ausstellung. Verlage wie Taschen, Phaidon Press, Hatje Cantz, Steidl, usw. spezialisieren sich darauf, Themen (pop)kulturell relevant, schlüssig und charmant auf den Markt zu bringen. Hier finden andere Institutionen (und auch wir) immer wieder Inspiration, neue, spannende Dinge (Bücher) zu produzieren.
Unsere Arbeit an der Schnittstelle zwischen Inhalt und Design in der Produkt- und Verlagswelt hat uns einen großen Wissensschatz beschert, den wir in unsere Praxis als Erlebnis- und Ausstellungsgestalter einbringen – als Entwickler von multimedialen Gesamterzählungen.
Für Fragen, Anregungen und eine unverbindliche Beratung kontaktiere gerne: emanuel.mauthe@extraplan.at