Experience Design 2.0: Mit welchen Mitteln wir bloße Erlebnisse in tiefgründige Erfahrungen übersetzen.
Wir wollen in unserer Praxis als »Experience Designer« nicht nur gute Erlebnisse bieten, sondern sicherstellen, dass diese auch über das unmittelbare Erleben hinaus wirksam werden. Dafür erscheint es uns relevant, an einer gewissen Nachhaltigkeit der Erlebnisse zu arbeiten. Wie kann das aber gelingen? Was hat sich bewährt? Und warum wollen wir ständig in den Besucherdialog treten?
Es gibt zwei deutsche Wörter, mit denen sich »Experience« übersetzen lässt: Erlebnis und Erfahrung. Bei »Experience Design« wird meistens ersteres assoziiert und wir wissen sofort was das ist weil wir Junkies sind. Wir denken Hochschaubahn, Fallschirm und Orgie – ein unmittelbarer Reiz, der in einem spezifischen Moment passiert. Wir wissen instinktiv, was hier zu tun ist: Überraschen, überwältigen, aus dem Rhythmus reißen. Zweitere Übersetzung, also die Erfahrung, kommt anders daher, es scheint etwas mit Alter und Weisheit zu tun zu haben. Wir ahnen, wir sollten Erfahrungen machen anstatt ständig nur Erlebnisse – nur wollen wir das irgendwie nicht. Eigentlich sind es aber Erfahrungen, die unser Leben bestimmen und bereichern. Erst diese können zu einer reflexiven Tiefendimension führen – also jenen Wert, der eine gute Erfahrung ausmacht und uns als Menschen wachsen lässt. Anders gesagt: Wir denken, es ist unsere humanistische und ethische Pflicht als »Experience Designer«, die zweite, wesentlichere Bedeutung unserer Berufsbezeichnung zu verstehen.
Wir sollten uns also gut überlegen, was wir hier eigentlich machen. Das ist aber schon deutlich weniger instinktiv lösbar. Wie lässt sich eine Erfahrung denn provozieren? Geht das überhaupt? Ist die Erfahrung nicht dem Zufall ausgeliefert? Dem Lebenskontext unserer Besucher:innen? Dem Füllstand ihrer Mägen und Hormonleitungen? Was können wir dazu beitragen? Und ist eine Übersetzung aus Erlebnis zu Erfahrung möglich?
Die gute Nachricht: Erfahrungen ohne Erlebnisse – das geht auch nicht. Und: Erlebnisse sind weitgehend planbar. Sie gehen auf die Psychophysis der Erlebenden ein und haben damit eine halbwegs abgrenzbare Dimension. Es ist auch nicht falsch, ein Erlebnis zu entwickeln – ganz im Gegenteil! Was wir nur wissen sollten, ist, was wir mit diesem Erlebnis nun anfangen: Ja, Erfahrung ist hochindividuell, wir können sie nicht steuern. Erfahrung ist etwas, das sich jeder selbst macht. Was wir aber tun können, ist, der potenziellen Erfahrung einen reichen Nährboden zu bereiten.
Wir haben über 8 Maßnahmen nachgedacht, die dabei helfen können:
- Mit einer Dramaturgie durchleiten
Erlebnisse entfalten ihre Wirkung, wenn sie in eine nachvollziehbare Dramaturgie eingebettet sind. Geschichten, Leitfragen oder Spannungsbögen helfen Besucher:innen, Ereignisse nicht nur wahrzunehmen, sondern auch in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Ästhetische Erfahrungen entstehen nicht isoliert, sondern durch einen Spannungsbogen, der Anfang, Entwicklung und Auflösung verbindet. Narrative Rahmungen steigern die Erinnerbarkeit von Inhalten erheblich. Und das wiederum ist eine wesentliche Voraussetzung für Erfahrung. - Die aktive Partizipation ermöglichen
Wenn Besucher*innen selbst Entscheidungen treffen oder Handlungen ausführen, verankern sich Inhalte tiefer. Partizipation verwandelt passive Rezeption in aktives Handeln: »learning by doing«. Das steigert das Engagement und macht aus punktuellen Eindrücken verarbeitbare Erfahrungen. - Reflexionspunkte und Pausen planen
Ohne die Möglichkeit, über ein Erlebnis nachzudenken, bleibt es einfach ein kurzer Reiz. Reflexionsfragen, Pausen oder entsprechend begleitende Medien können Besucher:innen anregen, das Erlebte einzuordnen. Reflexion ist eine unverzichtbare Stufe zwischen Erleben und Lernen, erst durch Verarbeitung wird aus dem Erlebnis eine Erfahrung. - Auf in die Physis: Materiale Anker schaffen
Interessante Objekte, Haptik oder visuelle Marker schaffen sinnliche Anker, die Erinnerungen stützen. Das Berühren, Sehen oder Mitnehmen von physischen Elementen macht Abstraktes greifbar. Objektzentrierte Erlebnisse bleiben besonders prägnant in Erinnerung und multisensorische Reize machen Erlebnisse intensiver und nachhaltiger. - Den sozialen Austausch fördern
Viele Erfahrungen entstehen nicht allein, sondern im Austausch. Diskussionen, gemeinsames Handeln oder Beobachten, wie andere reagieren, erhöhen die Tiefe einer Erfahrung. Der soziale Kontext ist eine zentrale Dimension der Ausstellungserfahrung. Lernen und Erfahrung sind oft sozial vermittelt – durch Feedback, Gespräch oder geteilte Deutungen. - Inhalte skalieren und wiederholen
Erlebnisse, die mehrfach oder in variierender Form erlebt werden können, vertiefen sich leichter zu Erfahrungen. Wiederholung erlaubt es, beim zweiten Mal andere Aspekte wahrzunehmen. Erfahrungen sind prozesshaft und entwickeln sich in Sequenzen. Schematisch funktioniert das etwa so: konkrete Erfahrung → Reflexion → Abstraktion → erneute Erfahrung. - Anknüpfungspunkte an Bekanntes schaffen
Besucher:innen verarbeiten neue Inhalte leichter, wenn sie an Bekanntes anknüpfen können. Ein Erlebnis wird zur Erfahrung, wenn es Bezug zum eigenen Alltag oder zu bereits erworbenem Wissen hat. Vorwissen und persönliche Interessen beeinflussen die Aufnahme von Inhalten. Lernprozesse bauen stets auf vorhandenen Erfahrungen auf. - Die Inhalte gut dosieren
Ein Zuviel an Informationen oder Reizen überfordert Besucher:innen und verhindert nachhaltige Erfahrung. Inhalte müssen so portioniert sein, dass sie verarbeitet werden können. Das Arbeitsgedächtnis ist begrenzt und Überlastung führt zu Lernabbrüchen. Eine kluge Dosierung von Information ist entscheidend dafür, ob Erlebnisse erinnerbar bleiben.
In allen unseren Ausstellungs- und Erlebnisdesigns gehen wir diese Prinzipien durch und überlegen, welche konkreten Maßnahmen für die vorgegebenen Inhalte, Räume und Budgets machbar, effektiv und effizient sind. Die Lösungen dafür wiederholen sich nie und müssen jedesmal neu entwickelt und dem jeweiligen Publikum angepasst werden.
Können wir also damit eine gute Erfahrung für jeden garantieren? Nein, das können wir nicht. Zu viele Faktoren spielen hier für den individuellen Besucher eine Rolle: physischer und sozialer Zustand, Vorerfahrungen, Assoziationen und Traumata können nicht homogenisiert werden. Und das sollen sie auch nicht. Was wir aber tun können, ist, ausreichend Möglichkeiten anzubieten, dass eine gute Erfahrung in hohem Maß gelingen kann. Und: idealerweise wird genau das, nämlich die in der Ausstellung gemachte Erfahrung abgefragt, evaluiert und – noch idealererweise – verbessert. Aber das ist ein anderes Kapitel.