Vom Theater lernen: Ausstellungsdramaturgie – ohne Bühne, ohne Schauspieler und ohne Stück?

Ausstellungsdramaturgie ist ein Begriff, der bei einigen Menschen sehr heterogene Assoziationen weckt, bei den meisten gar keine. Tatsächlich gibt es viele Zugänge zur Planung eines Besuchererlebnisses. Für uns ist der Rückgriff auf das Theater eine angenehm praktische und einleuchtende Methode, um über Dramaturgie nachzudenken. Das Theater ist eine kulturelle Form, die ihre Methodik über Jahrtausende verfeinert hat und in ihren Grundprinzipien bis heute funktioniert. Es ist nicht nur amüsant sondern auch erstaunlich fruchtbar, über Parallelen zwischen der Ausstellung und dem Theater nachzudenken. Gehen wir’s durch:

Das Publikum
In beiden Fällen kommen Menschen an (zumeist) konkrete Orte, von denen sie sich etwas erwarten (über die Erwartungshaltung von Ausstellungsbesucher:innen sprechen wir an andere Stelle detaillierter). Sie haben sich also bereits im Voraus informiert, Zeit genommen, haben sich orientiert, die Garderobe aufgesucht und (oft) Eintritt bezahlt. Die Unterschiede: Im Theater sitzen die Besucher:innen tendenziell auf fixen Plätzen, in der Ausstellung gibt es Bewegung. Im Theater werden dem Publikum Texte vorgetragen, in der Ausstellung werden sie mit Texten konfrontiert, die gelesen werden wollen.

Was lässt sich daraus lernen?
Es ist relevant, was vor und nach dem Ereignis stattfindet. Wie das Ankommen funktioniert, das Rituelle, die Aura des Ortes, die Gelegenheit, den Besuch danach zu reflektieren. Überall hier gibt es Chancen, das Publikumserlebnis abzurunden.

Die Requisiten
Ausstellungen leben meistens von der Einbindung von Objekten. Auf der einen Seite Originalobjekte, die eine direkte auratische Wirkung erzielen sollen. Sie werden tendenziell gesichert. Auf der anderen Seite vermittlerische Objekte, also Gegenstände, die zur konkreten Vermittlung eingesetzt werden. Diese kann man oft auch anfassen. Hier sehen wir einen Bogen zu jenen Dingen, die im Theater als Requisiten verwendet werden. Diese werden tendeziell zwar nicht angefasst, folgen aber ähnlichen Zwecken, wie jene in der Ausstellung: Nämlich der Verdichtung einer Trope in einem Gegenstand.

Was lässt sich daraus lernen?
Wir glauben, es ist nützlich, über das Potenzial möglicher zusätzlicher Requisiten nachzudenken. Das können – unabhängig von Ausstellungsobjekten – spezielle Leitobjekte sein, oder tatsächliche Requisiten für die sinnliche Interaktion. Das Leitobjekt hat den Zweck, visueller Ankerpunkt eines Themas (Aktes), Abschnitts oder Raums zu sein (kann ein Originalobjekt sein – muss aber nicht). Die vermittlerische Requisite wiederum steuert die Nahbarkeit des Themas. (Gerade unter dem Aspekt des Schutzes von Originalobjekten).

Das Bühnenbild
Ziemlich klar, was das Bühnenbild im Theater bezweckt: Es verhandelt den Raum, der bespielt wird. In zeitgenössischer Auffassung darf man es als multimodales Mittel zur Diskursivität des Stücks verstehen. Es kann mithin Protagonist, Requisite oder eigenständiges Medium sein. In reduktiver Variante ist es auch Katalysator für die Assoziationen der Betrachter.

Was lässt sich daraus lernen?
Wir sehen die Sache in der Ausstellung ähnlich: Die Szenografie hat natürlich vordringlich den Zweck, Objekte zu schützen, Kontext anzubieten und das Erlebnis zu strukturieren. Darüber hinaus kann sie aber eben auch zentral für das Erlebnis relevant sein, Rhythmen vorgeben und selbst vermittelnd tätig sein.

Die Schauspieler
Den Text verstehen, den Kontext verstehen, sich selbst verstehen, eine Rolle entwickeln. Klar, damit ist ein Schauspieler gemeint. Eigentlich aber auch das Idealbild von jemandem, der eine Ausstellung besucht. Gibt es also Eigenschaften, die wir in der Ausstellung fördern möchten? Wir verstehen Besucher:innen nicht mehr als passive Subjekte, die sich durch ein fixes Setting hindurchschlängeln und einer fertigen Geschichte folgen, sondern versuchen, ihnen eine aktive Rolle zuzugestehen. Wir finden das Publikum also nicht mehr nur im Zuschauerraum, sondern auch auf der Bühne selbst.

Was lässt sich daraus ableiten?
Wir wollen in der Ausstellung das machen, was ein:e gute:r Regisseur:in macht: Menschen mit Einfühlungsvermögen zu einem Textverständnis bringen. Gemeinsam den Kontext erarbeiten. Helfen, die eigene Rolle darin zu finden. Das bedeutet auch: Dem Publikum ausreichend Mittel in die Hand geben, um ihre eigene Performance individuell gestalten zu können.

Das Stück
Regietheater, Dokumentarisches Theater, Postdramatisches Theater, Performance, Immersives Theater undsoweiter – die Liste an Theaterformen ist lang. Doch eines verbindet alle Formen: es ist ein zeitbasiertes Medium das einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. Der klassische Dreiakter bestimmt diese Dramaturgie am klarsten.

Was lässt sich daraus ableiten?
Anstatt in einer linearen Abwicklung von Themen (»wir zeigen A, dann B, dann C«), möchten wir in dramaturgischen Bögen denken. Das bedeutet zunächst einen kausalen Zusammenhang herzustellen (»A startet – deswegen ereignet sich B – daraus folgt C«), steigert sich in einem Rundschluss (»das Ende C steht in welcher Beziehung zum Startpunkt A«) und folgt im besten Fall den Prinzipien einer ganzen Heldenreise (»wir zeigen die gewohnte aber brüchige Welt A, ziehen nach Wappnung hinaus in die unbekannte Welt B, ermorden den Drachen, kommen zurück in die erneuerte Welt C und haben etwas gelernt«).

Ausstellungsdramaturgie lässt sich also aus unserer Sicht sehr gut mit Theaterdramaturgie vergleichen. Kulturell lassen sich hier einige Brücken schlagen und vor allem rituell können wir viel vom Theater lernen. Das bezieht sich auch auf die Kommunikation im Umraum: beim Rampenlicht für die Protagonisten einer Ausstellung, beim Zugeständnis von Pausen zur sozialen Austausch und vor allem beim Feiern einer Eröffnung. Da hat uns das Theater noch viel voraus.