Der Audioguide zum Abschweifen: Wofür wir mëander entwickelt haben – und für wen
»Und hier links sehen sie …« schnarrt es aus den Kopfhörern. Der Audioguide macht klare Vorgaben: »Wir wenden uns nun nach rechts und gehen ein paar Schritte geradeaus. Hier sehen wir …« Gar nichts sehen wir. Waren wir zu langsam? Zu schnell? Sind wir falsch abgebogen? Wir stehen an einer Ausgrabungsstätte, einem Freilichtpark irgendwo in Deutschland. Spannend sind die Freilegungen, Jahrtausende an Geschichte sind zu sehen, unfassbar ist es, soweit zurückblicken zu können, und das im Hier und Jetzt. Die Stimme des Erzählers ist charmant, die Geschichten die wir hören ebenfalls. Aber: es passt einfach nicht ganz zusammen, mit dem, was wir beobachten. Wir wissen nicht, ob der Fehler bei uns oder dem Audiotrack liegt und geben schließlich auf.
Lineare Audiofiles und individuelle Bewegungen der Besucher:innen – das geht leider kaum zusammen. Man ist immer zu schnell oder zu langsam oder desorientiert. Um die Besucherführung im Außenraum halbwegs steuerbar zu machen, werden dann die Audiofiles extrem kurz geschnitten und die optischen Hinweise vermehrt. Mit hier und dort still rumstehen geht es dann wieder. Aber ein nahtloses Erlebnis sieht anders aus.
Spannende Lösungen im Bereich Audio-AR gibt es bereits seit längerem auf dem Markt. Viele zielen darauf ab, das Audioerlebnis räumlich zu definieren und es den Besucher:innen zu ermöglichen, diese Soundclouds zu entdecken und durchqueren. Daraus entstehen fantastische neue Möglichkeiten der Inszenierung und Erlebnisgestaltung, teilweise sogar im Außenraum. Wie aber schaffen wir es, Besucher:innen tatsächlich Schritt für Schritt zu begleiten? Wie können wir ihnen aber vor allem die Freiheit geben, selbst zu entscheiden, worüber sie mehr oder weniger erfahren möchten? Wie schaffen wir einen Begleiter, der sich an die Entdecker:innen anpasst, anstatt umgekehrt die Anpassung an den Audioguide zu fordern?
Diese Fragen haben wir uns gemeinsam mit dem App-Entwickler Fluxguide gestellt. Herausgekommen ist eine Entdecker-App, die Geschichten so erzählt, wie man sich gerade bewegt. Genauer gesagt: Im Außenraum sind Inhalte hinterlegt, die, je nachdem, wie sich die Nutzer:innen durch die Straßen bewegen, erzählt werden. Oder noch genauer: Unsere App verortet die Nutzer:innen, erkennt, ob sie sich in einem Bereich mit hinterlegten Inhalten befinden und baut diese dichter oder weniger dicht zusammen und gibt sie über ein Sprachmodul aus.
Sie erzählt ausschweifend, wenn sich die Nutzer:innen für ein Thema besonders interessieren und länger verweilen, fasst sich kurz und schafft die Überleitung zum nächsten Thema, wenn sie es mal eiliger haben. Auch die Tonalität der Geschichte können die Nutzer:innen frei wählen. Kinder können sich die Inhalte in einfacherer Sprache erzählen lassen, während sich Erwachsene beispielsweise für eine lebendigere Erzählform entscheiden können.
So nutzen wir die Kraft der KI, um ein freies Entdecken von offenen Räumen zu ermöglichen. Die Idee: Der Audiotrack folgt unserer Bewegung und unseren persönlichen Interessen. Wir finden diese alte Kirche hier zwar gut – aber was hat es eigentlich mit diesem Graffito gleich daneben auf sich? Was bedeutet dieser Riss in der Mauer hier? Und – gehört dieser schöne Innenhof noch dazu? Wir möchten dem Abschweifen, dem speziellen Tiefeninteresse und dem völlig eigenen Entdecken eines neuen Orts eine Lanze brechen. Wir wollen: Mëandern.